Gedanken zur kulturellen Teilhabe

Unsere Familie ist sehr privilegiert. Wir gehen beide arbeiten und habe gute Jobs. Mein Einkommen ist weit über dem Durchschnitt. Wir haben ein Haus und Tiere. Wir fahren in den Urlaub. Unsere Tochter nimmt jetzt an einen Schüleraustausch nach Schweden Teil und bekommt dafür eine eigene Kreditkarte. Ich sammle Platten und lese gern. Wenn eine neue Platte oder ein neues Buch erscheint, dass ich gerne hätte, kaufe ich mir es.
Damit geht es uns besser, als den meisten Familien. Jedoch finde ich, dass es allen Menschen auf einem zu definierenden Niveau gut gehen sollte. Die aktuellen Strukturen wie Bürgergeld stellen das auf jeden Fall nicht sicher. Neben den Grundbedürfnissen (Essen, Kleidung, ein Dach über dem Kopf), gehört da meiner Ansicht nach auch die Möglichkeit zur kulturellen Teilhabe dazu.
Schauen wir uns die Zusammensetzung des Bürgergelds mal an:
Der Regelsatz für eine alleinstehende Person beträgt €563 im Jahr 2026. Davon sind 9,76% oder €54,92 für „Freizeit, Unterhaltung und Kultur“, sowie 0,36% oder €2,03 für Bildung vorgesehen. (Quelle: https://www.lpb-bw.de/regelsatz-buergergeld).
Der Regelsatz für das Bürgergeld reicht kaum aus, um davon sein Leben zu bestreiten. Theoretisch könnte man zwar knapp €57 für Bildung und Kultur ausgeben. Faktisch geht diese Summe jedoch einfach für den alltäglichen Bedarf wie Lebensmittel, Wohnung oder Kleidung drauf.
Kinder erhalten noch zusätzliche €15 für „kulturelle Teilhabe“ aus dem Bildungspaket. Sofern dieses gesondert beantragt wird! (Quelle: https://familienportal.de/familienportal/familienleistungen/bildung-und-teilhabe)
Hier wird also eine zusätzliche Hürde eingezogen. Menschen, die in dieser Situation gefangen sind, haben häufig andere Herausforderungen, die es zu meistern gilt, anstatt noch einen weiteren Antrag auszufüllen, bei dem zum einen die Gefahr besteht, abgelehnt zu werden. Und zum anderen nicht dazu beiträgt, dass ich das Pausenbrot meinem Kind ermöglichen kann.
Untersuchungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands aus 2023 zeigen, dass bis zu 82% der Kinder- und Jugendlichen nicht von dem Teilhabepaket profitieren (https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Seiten/Presse/docs/expertise_BuT-2023_web.pdf).
Auch wenn es Positivbeispiele gibt. So gibt die Stadt Dortmund für das Jahr 2015 an, dass über 90% der berechtigten Kinder die angebotenen Leistungen in Anspruch nehmen. Dies scheint jedoch nur gelungen zu sein, in dem eine entsprechende personelle Ausstattung vorgehalten wird und vermutlich grundsätzlich erkannt wurde, dass dieses Teilhabepaket einen Wert an sich darstellt, und nicht einfach nur ein Kostenpunkt unter vielen ist (https://dosys01.digistadtdo.de/dosys/gremrech.nsf/04cbfacea495502fc1257329004d88c8/c1256f35004cedb0c125804900390af1/$FILE/Infobrosch%C3%BCre%205%20Jahre%20Bildung%20und%20Teilhabe%20in%20DO%20101016.pdf).
Wie heute, mehr als 10 Jahre später, die Situation in Dortmund aussieht, ist mir leider nicht bekannt.
Grundsätzlich muss ich sagen, dass ich knapp 10% des „Einkommens“ für „Freizeit, Unterhaltung & Kultur“ gar nicht so schlecht finde (siehe die Zusammensetzung des Bürgergelds).
Faktisch ist die Höhe des Bürgergelds jedoch menschenunwürdig. Aktuelle Diskussionen zur Sanktionierung von bis zur vollen Höhe des Bürgergelds sind einfach nur menschenverachtend. Auch wenn die allgemeine Einschätzung ist, dass diese Sanktionen nicht haltbar sind. (https://www.suedkurier.de/geld-leben/finanzen/neue-grundsicherung-merz-plant-harte-sanktionen-umsetzung-zweifel-12-1-26-109004838)
Das Ergebnis ist jedoch, dass Menschen nun in Angst und Schrecken leben, dass ihnen das Wenige, was sie zum leben haben, nun auch noch genommen wird. Damit kann man sich die Schwächsten der Gesellschaft auch gefügig halten.
Der Befund ist also, dass wir es als Gesellschaft schaffen sollten, dass auch die mit einem geringen ökonomischen Einkommen es schaffen, tatsächlich die vorgesehenen 10% in Bildung, Kultur & Freizeit zu investieren. Dazu muss der Regelsatz des Bürgergeldes entsprechend angehoben werden. Oder noch besser: das Bürgergeld abgeschafft und ein Bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden.
Der Einfachheit halber werde ich im folgenden immer von Einkommen sprechen. Egal, in welchen Strukturen wir Menschen ökonomisches Kapital zur Verfügung stellen.
Alternativ, und das würde ich deutlich bevorzugen, sollten kulturelle Einrichtungen, die sowieso mit Steuergeldern finanziert oder subventioniert werden, kostenlos zur Verfügung stehen. Das umfasst Museen, Theater, Bibliotheken, aber auch Schwimmbäder, Sportvereine uvm.
Was ist jedoch mit anderen kulturellen Elementen? Dazu zähle ich alles, was unter Massenkultur oder auch Popkultur fällt.
Musik: Wenn das Einkommen angemessen hoch wäre, könnte tatsächlich ein gewisser Anteil für z.B. Musikstreaming ausgegeben werden. Wer es lieber „physisch“ mag, könnte sich vielleicht Vinyl oder CDs kaufen.
Literatur: Zugang zu Bibliotheken sollte frei sein. Bibliotheken müssen dazu aber auch auskömmlich finanziert werden (https://www.kulturmanagement.net/Themen/Bericht-zur-Lage-der-Bibliotheken-2025-Finanznot-bedroht-Zukunftsfaehigkeit-und-Kernleistungen,4799)
Film: Auch hier, Streaming muss finanzierbar sein. Aber ebenso die Investition z.B. in einen Blue-Ray-Player und entsprechende Datenträger.
Wer nun meint, Netflix wäre keine Kultur, hat in meinen Augen einen sehr engen kulturellen Begriff.
Zum Begriff der Popkultur siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Popkultur
Auch in der Linken gibt es die Diskussion, dass die Pop- bzw. Massenkultur eher einer Ware gleicht und die herrschende Ideologie einfach nur reproduziert. Dieser Einwand ist nicht ungerechtfertigt, auch wenn es schöne Beispiele für popkulturelle Kritik an den gesellschaftlichen Entwicklungen gibt (Beispiel wäre hier die Serie Black Mirror: https://de.wikipedia.org/wiki/Black_Mirror_(Fernsehserie)).
Selbst wenn wir uns einig sind, dass Massenkultur eher einer Ware gleicht, und auch wenn wir feststellen, dass bestimmte Serien und Filme lediglich bestehende Herrschafts- und Ausbeutungsstrukturen festigen, bleibt es doch jedem Menschen sich selbst überlassen, welche und wie er Kultur konsumiert. Alles andere wären bevormundende oder sogar autoritäre Strukturen, die meiner Ansicht nach strikt abzulehnen sind.
Hinzu kommt, dass die Ablehnung der sogenannten Massenkultur häufig abwertende, oder auch klassistische Muster aufweist. Wer nicht die sog. Hochkultur konsumiert, gilt tendenziell als dumm oder oberflächlich. Das kulturelle Kapital (https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturelles_Kapital) fehlt, um ernst genommen zu werden. Bestes Beispiel dafür ist die Ablehnung des deutschen Raps mit migrantischem Hintergrund. Damit werden Menschen nicht nur an der kulturellen Teilhabe sondern auch am gesellschaftlichen und politischen Diskurs ausgeschlossen.
Was bleibt also zu tun?
Zunächst muss das Einkommen der Menschen auskömmlich gestaltet werden. Strukturen wie z.B. das Bürgergeld idealerweise ganz abgeschafft werden. Zum Beispiel zu Gunsten eines bedingungslosen Grundeinkommens (https://de.wikipedia.org/wiki/Bedingungsloses_Grundeinkommen).
Danach müssen wir die Begriffe für Kultur und wie daraus kulturelle Teilhabe entstehen kann, neu definieren. Und zwar breiter fassen, weg von einem bildungsbürgerlichen Ideal, hin zu einer realistischen Definition, was Menschen tatsächlich konsumieren. Ohne Klassismus oder Abwertung.
Wir können alle daran mitarbeiten, diese Gesellschaft zu einer besseren zu machen. Zum Beispiel indem man sich in entsprechenden Initiativen, Gewerkschaften oder auch Parteien organisiert.
Denn Gesellschaft und Politik sind wir alle, nicht nur „die anderen“.
Foto von Matt Popovich auf Unsplash

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